Archiv für die Kategorie 'Geschichten aus dem Lehrrevier'

Mrz 08 2010

Profile Image of admin
admin

Vom Jungjäger zum Jagdpächter

Der Gesetzgeber hat nicht ohne Grund vorgeschrieben, dass der Jäger erst nach Ablauf einer  dreijährigen Jungjägerzeit jagdpachtfähig ist:

Möchte man gerne ein Revier pachten, bedarf es nicht nur der praktischen Jagderfahrung, sondern auch zahlreicher zusätzlicher Kenntnisse. Weder das eine, noch das andere kann im Rahmen des Jägerlehrgangs bis zur Jägerprüfung im erforderlichen Umfang vermittelt werden.

Wie allerdings der Jungjäger die Zeit zwischen Jägerprüfung und Jagdpachtfähigkeit ausfüllt, um Jagderfahrung und erforderliche Kenntnisse zu erwerben, ist dem Gesetz nicht zu entnehmen:

Begehungsschein oder Pirschbezirk, das regelmäßige Begleiten erfahrener Jäger sind als Zwischenlösung denkbar. Zweckdienliche Informationen über die Aufgaben eines Jagdpächters lassen sich in den einschlägigen Fachzeitschriften zusammensuchen.

Aber welche Kenntnisse sind denn erforderlich und wichtig?  Das Institution des „Lehrprinzen” ist nicht mehr allerorts gegeben. Die Bedürfnisse von Jagdpächter und dem Jungjäger als Begehungsscheininhaber können deutlich voneinander abweichen. Selten sind beide Seiten sensibilisiert: Der eine weiß eigentlich nicht genau, was er braucht; der andere nicht, was und welche Erfahrung er weitergeben kann.

Es ist Glücksache, ob der Jungjäger bis zur Pachtfähigkeit relevante und notwendige Kenntnisse und erforderliche Jagderfahrung sammeln kann.

Der Jagdverein „Lehrprinz e.V.” und das „Insitut für Jagd, Umwelt und Naturschutz” (JUN.I) bieten im Jagdjahr 2010/2011 erstmals und einzigartig ein Jungjägerpaket an, das sich daran orientiert, was man zusätzlich als zukünftiger Jagdpächter wissen und können sollte, will und/oder muss.

Jagdgelegenheit, Anleitung, Fortbildung, Gesellschaftsjagden

Jagdgelegenheit:

Das Institut für Jagd Umwelt und Naturschutz (JUNI.I) hat seinen Sitz inmitten des Jagdreviers Liepe in Brandenburg, ca. 60 km nordöstlich von Berlin.

Das fast 1.000 ha große Revier dient dem Jagdverein Lehrprinz e.V. als Lehrrevier und grenzt direkt an die ausgedehnten Wälder des Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin. Damit liegt es in einem jagdlich einzigartigen Gebiet Deutschlands.

Rotwild, Rehwild, Schwarzwild, sonstiges Niederwild, insbesondere Enten und Gänse sind ständige Bewohner des Reviers Liepe.

Das Naturschutzgebiet Niederoderbruch, in dem das Lehrrevier liegt, hat darüber hinaus eine einmalige Flora und Fauna zu bieten. Man kann dort zahlreiche Tiere - etwa den Biber, Kranich, Fischotter und Seeadler - beobachten, die woanders kaum oder gar nicht mehr in freier Wildbahn vorkommen. Schwer passierbare Wege sorgen dafür, dass das Revier so gut wie nicht von Erholungssuchenden frequentiert wird. Die Jagd kann den ganzen Tag über ungestört ausgeübt werden.

Im Lehrrevier wird die Intervalljagd ausgeübt, das heißt: Es wird nur in der bewegungsaktiven Zeit des Wildes gejagt.

Die Jagdintervalle sind:

1.5. bis 31.5. (4 Wochen, Bockjagd)

20.7. bis 10.8. (3 Wochen, Blattzeit)

1.10. bis 15.1. (3 ½ Monate)

Zwischen den Intervallen ruht die Jagd.

Anleitung:

Die Reviere in der Schorfheide sind für ihren Wildreichtum bekannt, sodass es jedem Jungjäger ermöglicht werden kann und möglich sein sollte, 15-20 Stück Schalenwild in

3 Jahren zu erlegen. Dadurch erhält der Jungjäger die notwendige Routine, die er für ein sicheres Ansprechen und Erlegen benötigt. Vor allem in der Anfangszeit kann sich der Jungjäger von einem erfahrenen Jäger begleiten lassen. Diese sind erfahren und sensibilisiert auf die Bedürfnisse des Jungjägers.

Gesellschaftsjagden:

In den Herbst- und Wintermonaten finden zahlreiche Drückjagden statt. Hier können Jungjäger miterleben, wie Drück- und sonstige Gesellschaftsjagden organisiert werden und wie diese durchzuführen sind. Die notwendige Erfahrung und die besondere Fertigkeit, die bei Bewegungsjagden dem Schützen abverlangt werden, kann durch die Teilnahme erworben werden.

Für den Spätherbst ist eine große Hubertusjagd geplant.

Die Flinte:

Im Laser-Schießkino kann außerdem die Fertigkeit mit der Flinte weiter trainiert werden. Vor allem Enten und Füchse lassen das Flintenschießen in der Praxis zum Einsatz kommen.

Fortbildung:

Neben der Gelegenheit zur praktischen Jagdausübung werden fortlaufend Seminare durch das Instituts für Jagd Umwelt und Naturschutz (JUN.I) angeboten. Diese sind darauf ausgerichtet, die praktische Jagdausübung mit den zusätzlichen Kenntnissen über häufige Probleme zu ergänzen, mit denen Jagdpächter regelmäßig konfrontiert werden.

Diese Seminare befassen sich insbesondere mit nachfolgenden Themen:

Der Jagdpächter und das Jagdrecht

Jagdgenossenschaften

Jagdpachtverträge

Begehungsscheinverträge

Abschusspläne

Wildschadensmanagement

Jagdpachtkosten und modernes Jagdmanagement

Jagdpacht

Jagdbetriebskosten

Begehungsscheine

Wildbretvermarktung

Gesellschaftsjagden

Wildvermarktung

EU Hygieneverordnung

nationales Gewerberecht und Wildbretvermarktung

Wildbretverarbeitung

Zerwirken und Lagern

verschiedene Kochkurse

Alle Seminare finden in der Zeit statt, in der auch die praktische Jagdausbildung erfolgt.

Die Kooperation des Jagdvereins Lehrprinz e.V. und des Instituts für Jagd, Umwelt und Naturschutz (JUN.I) verfolgt das Ziel, einem zukünftigen Jagdpächter in der 3-jährigen Jungjägerzeit nicht nur eine Jagdmöglichkeit und eine Einführung in die praktische Jagdausübung  zu bieten, sondern diese vor allem auch um eine Fortbildung zu ergänzen, die den Jungjäger auf die Jagdpacht vorzubereiten .

Interessierte Jungjäger sind herzlich eingeladen, das Revier, die Revierverhältnisse, Ausbilder und Mitstreiter sowie sonstige räumlicher Verhältnisse kennenzulernen. Vorgesehen hierfür ist ein Tag Ende Mai/ Anfang Juni 2010, der in Kürze auf www.lehrprinz.eu bekanntgegeben wird. Das anstehende Jägersilvester bietet ebenfalls erste Kontaktmöglichkeit.

In der Blattzeit finden zudem zwei Schnupperwochenenden mit Einführungsseminaren und erster begleiteter Jagdgelegenheit statt.

Kontaktaufnahme über:

Jagdverein Lehrprinz e.V.

Herrn Stefan Fügner Mobil 0178 6141856 Festnetz: 033458 64247 oder per e-mail an jagdblog@gmail.com

oder

Institut für Jagd, Umwelt und Naturschutz (JUN.I)

Herrn Dr. jur. Wolfgang Lipps, institut@jagdrechtsblog.com

Keine Kommentare

Jan 24 2010

Profile Image of admin
admin

Nachtansitz bei -15 Grad Celsius

Am 23.1.2010 nachmittags zeigt sich das Niederoderbruch von seiner schönste Seite.
30 cm Altschnee, strahlender Sonnenschein lassen die Schneedecke auf den Bruchwiesen glitzern und - ein bitterkalter Ostwind weht über das Land.

Am Nachmittag meldet die Wetterstation in Bernau -15 Grad Celsius. Der Rundfunk prophezeit eine eiskalte Nacht, bei der die Temperaturen in einigen Lagen unter die Marke von -20 Grad Celsius rutschen können.

Mir kommen Bedenken bei dem Gedanken an meinen Nachtansitz. Doch die noch immer vorhandene Schneedecke, zunehmender Halbmond und eine sternenklare Nacht sind ideal für einen erfolgreichen Sauansitz.
“Vor zehn Uhr laufen sie nicht” lautet der Grundsatz eines alten Saujägers aus dem Oderbruch.

Doch ich will pünktlich sein.
Um 20.40 Uhr fahre ich los. Auf den 7 km zum Revier schafft es das Gebläse des Autos nicht einmal, alle Scheiben von Eisblumen zu befreien.
Ich habe mir eine alte Kanzel nahe des ehemaligen Saugatters aus Staatsjagdzeiten als Ansitz gewählt. Von hier aus kann man eine mehrere Hektar große Wiese einsehen, die in den letzten Tagen mehrfach von Rotten aufgesucht wurde. Überall ist die Schneedecke aufgebrochen und das Erdreich ist sichtbar Die Wiese ist hufeisenförmig und ist vom Bruchwald, dem ehemaligen Saugatter umgeben. Die Öffnung des Hufeisens bildet die Straße zum Schöpfwerk. Dort wo die Schöpfwerkstraße auf die Wiese stößt, stelle ich das Auto ab und überquere die Wiese zur Kanzel.

Alles weist auf einen erfolgreichen Ansitz hin, rund um die Kanzel ist frisch gebrochen, der zunehmende Halbmond wirft zarghafte Schatten der Kanzel auf die Wiese und unterstützt das fahle Licht, das der Schnee hergibt. Fast 2 Stunden tut sich nichts, bis ich das erstemal deutliches Quieken vernehme und kurz darauf auf ca. 150 Meter vor mir etwa 10 Sauen erblicke. Im Zielfernrohr sieht man nur umherhuschende Punkte. Schnell die Waffe wieder in die Ecke der Kanzel, denn schon nach wenigen Minuten sind die Hände außerhalb des Ansitzsacks steif gefroren. “Herankommen lassen” heißt meine Devise. Doch die Rotte wechselt zuerst nach links und dann wieder nach rechts zur Schöpfwerkstraße, aber nicht in meine Richtung.

Gegen Mitternacht verschwindet der Mond hinter dem Bruchwald, die Wiese ist in milchig trübes Licht getaucht. Auch von meinen Sauen sehe und höre ich nichts mehr, scheinbar sind sie entlang der Schöpfwerkstraße Richtung Schöpfwerk gezogen.
Trotz Ansitzsack, in den ich zum Warmhalten der Füße zusätzlich eine Decke gestopft hatte, kriecht die Kälte unaufhörlich in den Körper. Ein Blick auf die Uhr des Handy sagt mir, dass es Zeit ist, nach Hause zu gehen: 1.24 Uhr. Völlig durchgefroren beginne ich, alles zusammenzupacken und trete den Weg zum Auto an.
Dort angekommen ziehe ich gerade den Ansitzsack aus, als ich eindeutig mehrmals ein Quieken vernehme. “Verdammt nochmal, wieso melden die sich erst jetzt!” geht es mir durch den Kopf.
Den Wind brauche ich nicht zu prüfen, beim Blick Richtung Sauen bläst mir der bitterkalte Ostwind ins Gesicht. Ich prüfe die Beschaffenheit der Schöpfwerkstraße. Sie wurde nicht geräumt, aber wagemutige Anwohner nutzen sie trotzdem als Schleichweg zwischen Liepe und Bralitz. 2 tiefe Fahrrinnen haben sich im Schnee ausgefahren, auf denen man völlig geräuschlos pirschen kann.
“Dann also im Nahkampf” flüstere ich, nachdem ich die Chance, an die Sauen heranzukommen für aussichtsreich eingestuft habe und arbeite mich auf der linken Fahrrinne Richtung Rotte vor.
Problemlos komme ich vorwärts, da wird die Saupirsch zum Spaziergang. Im Laufschritt, das Gewehr in der Rechten, mit gebeugten Knien und gebücktem Oberkörper die Hecke links der Straße als Sichtschutz ausnutzend, komme ich mir vor wie ein vorrückender Infanterist.

Nach 150 Metern bietet die Hecke durch eine Lücke Sicht auf die Wiese und ich sehe “mehrere Klumpen” in Schussentfernung vor mir. 10 Meter vor mir 2 Weidezaunpfähle, die in der Spitze mit einem waagerechten Holz verbunden sind. Traumhafte Auflage! Hoffentlich ist dazwischen kein zugewehter Graben. Ich taste mich langsam vor, weniger wegen der Sauen, vielmehr um nicht in einem zugewehten Straßengraben zu versinken und komme problemlos an meine Auflage. Als ich kniend Ziel fasse, habe ich sofort eine Sau im Zielfernrohr. Entsichern, Ziel fassen, stechen nochmal Ziel fassen und - es macht “klick”. Die Kälte hat das Waffenöl im Schloss zu Klebstoff werden lassen. Nochmal einstechen, nochmal Ziel fassen und als der Finger an den Abzug kommt, bricht der Schuss.
Zweimal klagt die Sau und dann Stille. Absolute Stille. Noch nicht einmal das übliche poltern der flüchtenden Rotte kann ich im Pulverschnee hören. Sehen kann ich nichts, die Wiese liegt in ihrem milchig trüben Licht vor mir. Meine Erfahrung sagt mir, dass der Schuss im Leben sitzt, doch ich traue dem Frieden nicht. Ein Blick auf die Uhr, es ist 2.15.
Wieder im Laufschritt zurück zum Auto, Zielfernrohr herunter und auf den Beifahrersitz gelegt, Taschenlampe prüfen und in die Manteltasche, Schweißriemen heraus und Hund anleinen.
Wenige Minuten später arbeite ich mich mit DD Rüde Ajax, diesmal über die verschneite Wiese parallel zur Schöpfwerkstraße, Richtung Sau.
Auf halber Strecke versperrt ein doppelter Elektrozaun den Weg. Beim Übersteigen verheddert sich die Waffe im Draht und Ajax zieht heftig an. Um nicht zu stürzen, muss ich den Schweißriemen los lassen und als ich den Zaun vollständig überstiegen habe, gibt Ajax tiefen Standlaut. Ich eile in die Richtung des Standlauts, da ich immer noch nichts sehen kann. Dann sehe ich Ajax, wie er die Sau umkreist und tief Laut gibt. Mit ihrer letzten Kraft versucht die Sau, den sie umkreisenden Hund zu schlagen, ohne aber nochmal auf die Läufe zu kommen. Ein Entwässerungsgraben versperrt den Weg. Ich muss rechts 30 Meter Richtung Straße, über den Übergang, um zurück zu Ajax und der Sau zu kommen.

Als ich Ajax abrufe, um der Sau den Fangschuss zugeben, bleibt er, auf mich zukommend, nach 3 Metern stehen.

Der Schweißriemen hat sich durch das Umkreisen der Sau unter die Sau geschoben!

Ich gehe auf Ajax zu, ziehe mit aller Kraft an der Schweißleine, bis kein Widerstand mehr spürbar ist, um Ajax aus der misslichen Lage zu befreien. Als ich angebackt den Fangschuss antragen will, sehe ich mich nach Ajax um. Doch der liegt schon links neben mir. Obwohl die Sau keinerlei Leben mehr zeigt, gebe ich ihr sichheitshalber noch den erlösenden Fangschuss.

Als ich alleine die schweißtreibenden Bergung, das Aufbrechen, sowie das Wiegen und das Einlagern in der Kühlkammer hinter mir habe, ist die Kälte im Körper verschwunden und es ist 3.25 Uhr.
Ermattet aber hochzufrieden fahre ich nach 6 Stunden Saujagd bei sibirischer Kälte Heim, wo ich das Erlebte noch einmal vor dem wärmenden Ofen Revue passieren lasse.

waidmannsheil

Euer

stefan

Keine Kommentare

Mai 25 2009

Profile Image of Stefan
Stefan

Der Einstangenspießer - Geduld zahlt sich aus

Schon Ende April hatte ich ihn ausgemacht.
Aus über 100 Meter Entfernung erkannte ich nur eine kümmerliche Stange in Form eines Spießes. Doch bei der ersten Begegnung im Mai war es zu weit, um einen sicheren Schuß abzugeben. “Irgendwann wird er von einem stärkeren Bock auf Trapp gebracht werden und dann werde ich ihn schon kriegen.” war mein Gedanke und ich setzte mich abermals an.
Doch fast auf jedem Ansitz sah ich ihn, ohne dass er in Schußweite herankam. Im Gegenteil: Er äugte ständig sichernd in meine Richtung und entfernte sich im Laufe des Ansitzes immer weiter von mir. An einem Abend wurde mir klar, dass alles Warten sinnlos ist: Ein starker Sechser trat direkt neben dem Ansitz aus. Er war der Grund, weshalb der “Einstangenspießer” respektvoll Abstand hielt.
Gegen Mitte Mai hörte ich auf, die Abend- und Morgenansitze zu zählen, die ich in den Bruchwiesen “An den Choriner Grenzhäusern”, wie der Revierteil heißt, verbracht hatte. Um nicht völlig zu verzweifeln, ging ich immer nur noch jeden zweiten Ansitz dorthin. Aber als eingefleischter “Knopfbockjäger” ließ der Bock mich nicht ruhen.
Mittlerweile hatte der starke Sechser seinen Einstand weiter ausgedehnt und dem Einstangenspießer einen Einstand nahe einem alten Hochsitz zugewiesen.
Meine Hoffnung stieg und ich zog um.
Leider aber war der Wind auf diesem Sitz oft ungünstig und täglich mußte ich erst die Windrichtung prüfen, bevor ich den Sitz bezog.
Durch das häufige Sitzen auf den zwei in Frage kommenden Kanzeln kannte ich nun alle Rehe, die sich dort aufhielten. Die Reviergrenze des Sechsers hätte ich nun metergenau eintragen können, denn sein täglicher Auftritt auf der Wiese war begleitet von ständigem Fegen an Weiden und Erlen. Dort, wo es keine Bäume gab und seine Grenze durch die Wiese lief, stach er wütend in die Grasnarbe und schleuderte die Wurzeln mit Erde in die Luft. Doch der Einstangenspießer war wie vom Erdboden verschwunden.
Als der Wind mal wieder gut stand, gezog ich den Sitz im Einstand des Einstangenspießers und nur wenige Minuten nachdem ich es mir bequem gemacht hatte, marschierte der Sechser direkt auf mich zu. Er überqerte einen Entwässerungsgraben , der eigentlich seine Reviergrenze war. Er war auf der Suche nach seinem Rivalen! Nachdem er die Wiese direkt vor meinem Hochsitz erfolglos abgesucht hatte, verschwand er wieder in die Richtung, aus der er gekommen war. Auch ich war enttäuscht, hatte ich doch die Hoffnung, er würde auf seinen Rivalen stoßen und ihn dann direkt vor meinen Sitz treiben.
Kaum war der Sechser verschwunden, zeigte sich ein Reh im besagten Entwässerungsgraben. Dichtes Schilf machte es schwer, das Stück anzusprechen. Doch irgendwann war das Haupt frei und ich erkannte den Einstangenspießer. Er hatte sich geschickt vor seinem Rivalen versteckt!
Der entsicherte und eingestochene Repetierer suchte das Blatt. Es war zum Verweifeln: Immer wieder verdeckten Schilf oder Grasbüschel den Bock, dann wieder war er völlig im Graben verschwunden. Immer weiter zog er zum Schilfdickicht. Der Versuch , einen sicheren Schuß anzubringen, mag über eine halbe Stunde angedauert haben, bis ich entnervt mit dem Schwinden des Büchsenlichts das Gewehr sicherte und erfolglos den Heimweg antrat.
Zuhause traute ich mir den Grund meiner erfolglosen Jagd nicht mehr schildern. Auf die Frage:”Und?” antwortet ich nur noch:”Nichts!”

Doch dann kam der 22.Mai.
Gewitterwolken zogen am späten Nachmittag auf und ein Wolkenbruch entlud sich über den Wiesen. Bockjagdwetter! Wenn es aufhört zu regnen und es in den Einständen tropft, kommen sie heraus, um sich die Decke zu trocknen.
Als ich das Auto abstellte, regnete es noch und ich blieb noch fast eine Stunde im Wagen. Gegen 20.00 Uhr, als sich die ersten Sonnenstrahlen zeigten , ging ich zum Ansitz.
Fast eine Stunde tat sich nichts. Nur eine Ricke, die jeden Abend minutengenau auf die Wiese zog, zeigte sich. Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass sie auch heute pünktlich war. Doch dann sehe ich meinen Einstangenspießer direkt auf mich zukommen. Er kommt aus dem Einstand des Sechsers und strebt die Reviergrenze der beiden Böcke, den Entwässerungsgraben an. Ich entsichere und steche ein. Als er den Graben erreicht, habe ich die gleiche Situation wie Tags zuvor. Ein sicherer Schuß auf den im Graben äsenden Bock ist unmöglich.
Plötzlich schießt er wie von Sinnen aus dem Graben, kommt hochflüchig über die Wiese vor meinem Sitz - und verschwindet im Schilfdickicht. Ich schaue über den Graben und sehe seinen Rivalen, den Sechser, wie er ihm drohend nachschaut.
Waffe sichern und aus der Traum. Doch vielleicht kommt er über die Schneise, die links vom Sitz durch das Schilfdickicht verläuft. Ich muss meine Sitzposition verändern und prüfe, ob ein Schuß möglich ist. Und tatsächlich: Kaum bin ich schußfertig, steht er auf der Schneise. Aber nur das Haupt ist zu sehen. Entsichert und eingestochen warte ich über 1/4 Stunde auf den einen Schritt, den er noch machen muss. Doch auch den Gefallen tut er mir nicht. Eine große Flucht über die Schneise und der Bock ist im Schilfdickicht auf der anderen Seite der Schneise verschwunden. Ich bin mit den Nerven fast am Ende. Doch er könnte auch durch dieses Dickicht hindurchziehen und auf der Wiese im Rücken meines Sitzes auftauchen.
Ich drehte mich abermals auf dem Sitz und nahm den Rand des Schilfs ins Zielfernrohr. Doch nun spüre ich den Wind im Nacken. Wenn er heraustritt wird er Wind von mir bekommen. Kein Bock erscheint im Zielfernrohr. Das Büchsenlicht beginnt zu schwinden. Als ich kurz über das Ziefernrohr auf die Wiese schaue, sehe ich ihn stehen. Irgendwie ist er, ohne dass ich ihn im Zielfernrohr erfasst hatte, aus dem Schilf auf die Wiese gelangt. Hoffentlich hat er noch kein Wind von mir bekommen! Ich entsichere, steche ein und fahre mit dem Zielfernrohr zum Haupt, prüfe, ob es auch wirklich der Spießer ist, sehe einen Spieß, fahre zum Blatt und lasse die Kugel aus dem Lauf. Als ich über das Zielfernrohr auf die Wiese schaue , ist sie leer. Er kann den Knall nicht mehr gehört haben.
Als ich zum Bock trete, befühle ich den noch im Bast befindlichen nur wenige Zentimeter langen Spieß. Daneben eine Stange, die gebogen ist wie der Schlauch einer Gams. Deshalb sah ich immer nur die eine Stange.
Im letzten Licht breche ich ihn auf und als ich ihn zum Auto trage, versuche ich vergeblich die Tage zu zählen, die ich auf ihn ansaß. Aber eines ist sicher: Noch nie habe ich in den vielen Jahren meiner Bockjagd so lange versucht, einen Bock zu erlegen. Aber Geduld zahlt sich aus, insbesondere bei der Jagd.

Unzählige Ansitze benötigte ich, um endlich am 22.5.2009 um 21.20 Uhr diesen schwachen Jährling zur Strecke zu bringen.
Der anfänglich als Spießer mit einer Stange angesprochene Jährling hatte doch noch eine nach hinten gebogene zweite Stange. Er wog aufgebrochen mit Haupt gerade 10,5 kg.

Keine Kommentare

Mai 18 2009

Profile Image of Stefan
Stefan

Wo noch kapitale Böcke heranwachsen können

Pirschen in den steilen Hängen der Endmoränenlandschaft. Hier in sehr ruhigen, aber schwer zu bejagenden Wiesen mit Knicks und kleinen Wäldchen wachsen noch alte kapitale Böcke heran, wie der nachfolgende Artikel beweist.

Über mehrere Jahre waren die Wiesen in den Hängen oberhalb des Oderbruchs ganzjährig beweidet worden. Zudem konnte das Vieh auch die zahleichen Knicks und Waldstücke abweiden und als Schutz vor Regen und Sonne nutzen, da die Hänge dieser Endmoränenlandschaft weiträumig eingezäunt waren. Doch erstmals in diesem Frühjahr steht kein Vieh mehr auf den steilen Hängen und langsam erholt sich die geschundene Grasnarbe und die abgefressenen Sträucher und Bäume der Knicks und Wäldchen können wieder austreiben. Doch wegen der mehrjährigen Dauerbeweidung konnte der Revierteil nicht gejagt werden, es fehlen Reviereinrichtungen bzw. die vorhandenen sind zugewachsen oder bedürfen der Reparatur, weshalb die Pirsch zur Zeit die einzige Möglichkeit der Bejagung darstellt, zumal die Wilddichte hier eher gering ist.

Langsam erholen sich die überweideten Wiesen

Gestern gegen 19.30 hatte ich es mir auf einem Stein hinter einer Eiche bequem gemacht, von wo ich einen Blick auf eine Wiese hatte. Ein Fuchs schnürte vorbei und ein Hase suchte nach Kräutern, bei deren Anblick ich mit DD Rüde Ajax die Standruhe üben konnte und das stumme Beobachten des Wildes klappt schon recht gut. Doch als sich auch bis 21.00 Uhr kein Rehwild zeigte, wollte ich entlang eines Knicks pirschen, um auf eine Wiese zu schauen, auf der ich Tags zuvor Rehwild gefährdet hatte. Ich verließ nach 100 Metern den Knick über die offene Wiese, um eine andere, sich talwärts neigende Wiese einzusehen und dort sah ich dann auch einen Bock auf ca. 70 Meter direkt auf mich zubewegen.
Die Waffe legte ich sofort auf den Schießstock auf und bevor ich versuchte, den Bock ins Zielfernrohr zu bekommen, zischte ich nach unten das Kommando “Platz”, das Ajax auch sofort befolgte. Der kühle Abendwind, der vom Oderbruch hinaufwehte, blies mir direkt ins Gesicht. Dies gab mir Gewissheit, dass er keinen Wind von mir bekommen konnte, doch ich stand ohne Deckung frei auf der Wiese. Als ich den Bock dann im Zielfernrohr hatte, stockte mir der Atem! Ein mehr als doppelt lauscherhohes Gehörn zierte sein Haupt. Eine starke Auslage und helle gleichmäßige extrem lange Enden erinnerten mich eher an das Geweih eines Sikahirsches. Einen Bock mit einem solchen Gehörn hatte ich in über 30 Jägerjahren noch nie gesehen. Langsam ziehend bewegte er sich suchend auf mich zu , bis er fast 35 Meter vor mir stand. Nur ein Weidezaun trennte uns und als er anfing, die “Statue” auf der Wiese zu beäugen, hatte ich Zeit, mir den Bock im Zielfernrohr anzusehen. Als er einmal breit stand und mit seinem mächtigen Kopfschmuck zu mir herüberäugte, fehlte nur noch das hell leuchtende Kreuz zwischen seinen extrem großen Stangen. Zumindest hatte ich erstmals das Gefühl, zu wissen, wie die Erscheinung des Hirsches mit einem Kreuz zwischen den Stangen auf den heiligen Hubertus gewirkt haben muss.
Irgendwie bekam der Bock dann doch etwas mit und sichtlich unruhig, aber nicht flüchtig, verließ er Wiese. Bleibt zu hoffen, dass er zur Blattzeit noch da ist und erlegt werden kann, aber sein Standort ist ruhig und weit ab der Reviergrenze, die Voraussetzungen sind gut, dass er im August zur Strecke kommt. Eine Medallie wird dieser Bock garantiert erzielen.
Der über mehrere Jahre kaum bejagte Revierteil beweist erneut, dass nur das Altwerden der Böcke über mehrere Jahre starke Trophäen, wenn sie dann erwünscht sind , entstehen lassen.

Kleine Reviere, in denen fast nur 2-3 jährige Böcke, also die “Halbstarken” im doppelten Sinne, erlegt werden und viel zu wenig in die Jährlingklasse eingegriffen wird, machen das Heranreifen solcher Hochkapitalen in der heutigen Zeit unmöglich.

Keine Kommentare